Passagen –

eine philosophische Reportage

ein dauerhaftes durchdenker.de-projekt

Ein Leben in globalisierten Welten ist konfrontiert mit mannigfaltigen Optionen der Lebensführung: Menschen leben mit der steten Herausforderung, sich neu zu orientieren, sich inmitten von Möglichkeitsräumen Wege zu bahnen und zwischen Lebensformen hin und her zu wechseln.
Dieses Leben ist geprägt von Passagen, vollzogen in Übergängen zwischen verschiedenen geographischen Regionen, Kulturen, Sprachen und Atmos-phären - eine auf Dauer gestellte Weltenreise in je eigener Sache, die immer häufiger zu immer längeren Aufenthalten im Zwischenraum des Nicht-mehr-hier und Noch-nicht-dort nötigt. Der Mensch der globalisierten Welt ist Passagier. Was aber heißt es, ein Leben als Passagier zu führen? Anders gefragt: was passiert beim Passieren?

Passagen sind dadurch charakterisiert, dass sie in einem Zwischenbereich stattfinden bzw. diesen Zwischenbereich als Übergang durchwirken: Eine Passage liegt zwischen dem Ein- und Ausschiffen; dem an Bord/von Bord-Gehen, dem Aufbruch und der Ankunft. Doch unterscheiden sich Passagen durch die Intention, aus denen heraus etwas oder jemand passiert, durch den Grad ihrer Habitualisierung und das Ausmaß ihrer Reversibilität: Sagt der Passagier „adieu“, sagt er „bis morgen“ oder „vielleicht sehen wir uns einmal wieder“? In diesem Sinne ist zwischen unterschiedlichen Passagen-typen zu unterscheiden:

1) die existentielle Passage: dieser Passagentyp ist prototypisch zu finden etwa bei den europäischen Auswanderern des 19. Jahrhunderts oder jenen (freiwilligen und unfreiwilligen) Migranten, die ganz wesentlich ‘die Globalisierung’ prägen;
2) die habituelle Passage: dies ist die Passage der Pendler, die regelmäßig, z.B. zwischen ihren Lebens- und Arbeitswelten, hin- und her pendeln.
3) die optionale Passage: dies ist die Passage der Touristen oder Gelegen-heitsreisenden, die ihre alltägliche Welt für einen begrenzten Zeitraum verlassen, ohne aber das Zentrum ihres alltäglichen Lebens zu verlagern.

Ein alltägliches Phänomen, das überschreiten der Schwelle in einen Raum hinein bzw. aus einem Raum hinaus, kann helfen, diese Passagentypen zu veranschaulichen. Die Schwelle fasst nämlich ebenfalls den Zwischenraum des Nicht-mehr-hier und Noch-nicht-dort ein: Auf der Schwelle ist man nicht mehr im einen, aber auch noch nicht im anderen Raum – sondern eben im Zwischenraum.
Die existentielle Passage ist ein Übergang in ein neues Leben: der Aus-wanderer; der Flüchtling geht über eine Schwelle hinüber und lässt dasjenige, was vor dieser Schwelle lag, hinter sich.
Die habituelle Passage des Pendlers und Grenzgängers ist stets schwellen-nah oder auf der Schwelle selbst zu verorten: Der Pendler macht den Zwischenraum zum festen Teil seines Lebens.
Die optionale Passage des Touristen wiederum geht weder über die Schwelle hinaus noch richtet sie sich auf ihr ein: Vielmehr wird nur ein Fuß auf oder über die Schwelle gesetzt, das Standbein aber verbleibt im Herkunftsraum.
Im Spannungsfeld dieser drei Typen lässt sich zeigen, was ein Leben in globalisierten Zeiten ausmacht: Einerseits die Chance wie auch die Nöti-gung, in neue Welten aufzubrechen, sich neu zu orientieren und immer neu sein Leben einzurichten; zum anderen die Herausforderung, ein Dasein als Pendler zwischen verschiedenen Welten gelingend zu führen und schließlich die reizvolle Möglichkeit, fremde Welten als optionale Suchräume für den Reichtum der Möglichkeiten zu erkunden, als Mensch zu spüren, zu schmecken, zu hören, zu riechen und zu sehen.

Die philosophische Reportage „Passagen“ zielt darauf, die theoretische Auseinandersetzung mit diesem Spannungsfeld nicht im phänomenfernen Raum der Abstraktion zu führen, sondern auf der Basis konkreter Erfahrung: Es geht darum, Passagen zu erleben und dieses Erleben zu reflektieren – zu Wasser (Schiffspassagen) und in der Luft (Flug-passagen), in Umfeldern also, die zum Verlassen des festen Bodens zwingen.

Schiffspassagen
Eine erste Staffel von Passagen erfolgte vom 19.-25. Februar 2004 an Bord von Fährschiffen der Penn Ar Bed-Fährgesellschaft, die die westbretonischen Häfen Brest, Le Conquet und Audierne mit den Inseln Ouessant, Molène und Sein verbinden. Diese Verbindungen im Mer d’Iroise sind geprägt durch die felsen- und strömungsreichen Gewässer des nördlichen Atlantik und durch die häufig stark bewegte See, durch die sie führen. Der Aufenthalt an Bord der Schiffe im Rahmen des Projekts begann jeweils mit der ersten morgendlichen Abfahrt ab Brest und endete mit dem Anlegen im Heimathafen am Abend. Die Eindrücke und Erfahrungen wurden mittels Texten und Photographien dokumentiert und konnten im täglich ergänzten „Logbuch“ auf der durchdenker.de-Website im Internet verfolgt werden. Das Projekt wurde in Kooperation mit dem Inselforscher Louis Brigand (Universität Brest) durchgeführt und ermöglicht durch die Unterstützung der Penn Ar Bed-Fährgesellschaft, Brest sowie der Forschungsinitiative "Philosophie der Mondialisierungen" am Interfakultären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) der  Universität Tübingen. Allen sei dafür herzlich gedankt!
Das Logbuch findet sich weiter unten auf dieser Seite.
Eine zweite Schiffspassage fand in der nördlichen Nordsee statt - Aberdeen-Lerwick im Herbststurm, einen Logbuch-Eindruck dieses bewegten Anliegens lässt sich hier einsehen.

Flugpassagen
Eine zweite Passagenstaffel widmete sich Flugpassagen, die heute sicherlich den größten Teil der Passagenrealität ausmachen. Globale Mobilität als Bedingung eines globalisierten Lebens ist ohne Luftverkehr nur schwer denkbar. Flugpassagen ermöglichen schnelle Übergänge und Weltenwechsel – stellen aber zugleich besondere Anforderungen an Passagiere und die passagenermöglichenden Besatzungen. Ein Leben in der Luft ist nur mittels komplexer technischer Hilfsmittel möglich und setzt in besonderem Maße die Kompetenz zu ihrer Beherrschung wie auch das Vertrauen in diejenigen, die sie beherrschen, voraus. Zudem erfordert die hohe Geschwindigkeit eine hohe Orientierungsleistung sowohl bei jenen, die fliegen, als auch bei jenen, die geflogen werden: Während Erstere die Passage der anderen durch ihre professionelle Kompetenz orientieren müssen, sind letztere während der Passage zur Selbstorientierung mit Blick auf die neue ‘neue’ Welt, in die hinein sie landen, aufgefordert.
Die skizzierten Zusammenhänge wurden im Sommer 2004 an Bord von Verkehrsflugzeugen der Lufthansa näher untersucht, indem Flugpassagen begleitet und Beobachtungen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Piloten, des Kabinenpersonals sowie der Passagiere zusammengetragen wurden. Das Projekt wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Deutsche Lufthansa AG.


Pässe
Ein für die Zukunft geplantes Projekt zielt auf die Erfassung des Moments der Passage auf festem Boden. Zu diesem Zweck sollen Alpenpässe begangen und jener Bereich gesucht und untersucht werden, der Übergang ist, die Trennungszone also, die der Übergang queren muss, um Übergang zu werden. Geplant ist eine Kooperation mit Künstlern sowie einer auf verschiedenen Pässen  gezeigten Austellung zum Thema Passagen.

Eine Dokumentation des Gesamtprojektes, die neben den Log-büchern auch eine Sammlung von Essays zum Themenfeld Passagen umfassen wird, wird mittelfristig in Buchform erscheinen.

Textbeispiele:

Logbuch - Schiffspassagen-Alltag in Wort und Bild

Die Einträge des folgenden Logbuchs wurden im Rahmen der ersten Passagenstaffel ("Schiffspassagen") im Februar 2003 gemacht und waren jeweils am Abend der Tage im Netz abrufbar. Das Logbuch ist daher in umgekehrter Reihenfolge - also nach seinem Entstehungsverlauf - angelegt, sodass ein Nachvollzug der Schiffspassagen es notwendig macht, am Ende der Seite zu beginnen und jeweils beim Tageskoordinaten-Eintrag mit dem Lesen zu starten...also erst klicken, dann lesen...



Passagen im Mer d'Iroise - Februar 2004
- im Erscheinungsverlauf von unten nach oben

25.2.  Auftakt zum Epilog: Von Hochseeschleppern, Triskell-Turbinen und geschlossenen Logbuechern
Wind: 3-4
Meer: 2


Nach einer Woche Passagen-Reportage verließ die Enez Sunn III heute ohne mich den Brester Hafen - pünktlich um 8:30 und vorbei an der Abeille Flandre, einem der drei Hochseeschlepper, die an der französischen Küste verteilt sind. Die AF liegt, in Abhänigkeit von der Windsituation, entweder in einer nördlich von Conquet gelegenen Bucht, in der Bucht vor Camaret oder (wenn kaum oder kein Wind ist) am Quai des Port de Commerce in Brest, stets mit laufenden Maschinen, der Ausstrahlung nach tendenziell bullig und in direkter Nachbarschaft der
Penn Ar Bed-Schiffe.


Die Trosse, mit der die AF schleppt, hat den Durchmesser eines stämmigen Männerschenkels; die Schäkel, mit denen die Trosse an das zu schleppende Schiff befestigt wird, haben die Grössenordnung einer zu dem genannten Schenkel passenden Schulterbreite. Alles in allem ein maskulines Ereignis, aber bevorzugte Schleppobjekte sind ja auch jene Tanker, die die Flüssignahrung für automobile Dynamik ueber Ozeane passieren lassen.
Nicht weniger energetisch wirkten heute aber andere Turbinen, jene nämlich, die die Passagen in Richtung "vom Eindruck zum Ausdruck"  möglich machten und damit auch diesen Logbucheintrag zum vorerst Letzten werden lassen: die Triskell-Turbinen der Brit-Air, die den Abflug vom Aeroport Guipavas antrieben.


Die verbleibenden Projekttage bis zum 29.2. werden nun also an Festlandtischen strömender Reflexion und schreibendem Nachdenken über Passagen gewidmet sein - weshalb das Logbuch bis zur nächsten Sturmwarnung geschlossen wird. Herzlich danken möchte ich den Mannschaften von Michel und Fred, die mich aufgenommen und in die Alltäglichkeiten und einige Besonderheiten eines Passagen-Lebens eingeführt haben, Gildas Lagadec, dem Directeur von Penn Ar Bed, der das Projekt mit aller denkbaren Offenheit unterstützt hat, Louis Brigand für seine Tips und Ermunterungen, der Universität Tübingen für die Förderung eigenständiger Forschungsansätze und natürlich Gille. Über den weiteren Verlauf der Arbeit am Passagen-Projekt und den nächsten Aktionen (Grade, Gipfel) wird auf der durchdenker-Seite berichtet werden. Also: à bientôt...


24.2. Inselleben
Wind: 2
Meer: 0-2

Anlaesslich eines Kontrollblicks von oben waren heute Wind und Wellen auf kleine Fahrt eingestellt....

....was die kognitiven Ressourcen freiwerden liess, um bodenständige Phänomene auf ihr Wesen hin beleuchten zu können. So stellte sich in charmanter Eindrücklichkeit die Frage, ob es dem Hinterteil wesentlich inhäriert, ästhetische Attraktion zu katalysieren:

Das Mer d'Iroise ist ein Raum des Strömens und Geworfen-seins. Für das Inselleben - dem ich mich im heutigen Logbucheintrag zuwenden möchte - ist es aber auch Raum für die fatale Spirale eines kulturellen Konstitutionskompetenzschwundes: Aus der Zubringer-Leistung der Passagenschiffe entspringt ein Sog, der das Zentrum der insularen Lebenskraft in Richtung "continent" (so heisst das Festland bei den Ouessantins) verschiebt und eine existentielle Abhängigkeit schafft, welche die Organizität der Insel trockenfallen lässt - diese wird auf eine Dienstleistungs-Kultur (vor allem im Sinne der Ambiente-Dienstleistung) reduziert und kann sich zunehmend weniger aus sich heraus und für sich entfalten.

Folge sind das Ab-Hängen der Alten und das Ab-Wandern der Jungen - und mit Letzteren geht auch jene kulturelle Produktivität verloren, die im Rahmen einer Ökonomie des komplementär-schaffenden Miteinanders an einem dynamischen, lebendigen guten Leben baut. Fast alles (auch das, was bislang insular bewältigt wurde, wie Baubetrieb, Handwerk, Landwirtschaft) muss nun auch bezüglich des savoir-faire und der Manpower eingekauft werden. So verfestigt sich die Abhängigkeit vom Tourismus, der schliesslich  die im Prinzip einzige Möglichkeit darstellt, dasjenige, was man zum Daseinserhalt benötigt (und nicht mehr aus eigener Kraft zu leisten vermag) auch bezahlen zu können. Gastgewerbe oder Fahradverleih sind die bleibenden Alternativen - eine Art Inklusison in das Ambienteinventar, das sich wohlhabende Städter für ihre Ruhestunden gewählt haben.
Besonders fällt die Wohnraumsituation ins Gewicht: Die Jungen, die ihre Schul- und Berufsausbildung grossenteils auf dem Festland absolvieren müssen, können auf dem durch die Konjunktur der Stadtflüchter hochpreisig deformierten Immobilienmarkt nicht mehr mithalten. Also: eine durchschnittliche Nutzungsdauer der meisten Häuser von sechs bis acht Wochen pro Jahr. Das gängige Bild insularer Hauserscheinung ausserhalb der Sommermonate ist daher das Folgende:

Eine Lösung dieser Probleme kann kaum im Zurück in frühere Zeiten, in einer verklärten Retrostrategie liegen, die ebenso artifiziell-musealisierend wäre wie eine zum reinen Ambiente entwürdigten Kultur-Natur. Vielmehr liegt an, grundsätzlich (und nicht nur für die westbretonischen Inseln) die Frage zu stellen, wie es heute möglich ist, ein Leben zu leben, das nicht nur Ambiente für mehr oder weniger subtile Funktionszwänge ist - sei es im Tourismus oder im alltäglichen Leben. Anders formuliert: Es geht um die Frage, wie eine je eigene Existenz in Würde zum Ausdruck kommen kann, ohne dabei nur als Reaktion auf die fragwürdigen Bedürfniskonstellationen eines lebensdienlichkeitsvergessenen Systems zu bestehen.

Zurueck zur eingangs versprochenen Bodenständigkeit in bildlicher Konkretisierung - denn der Boden stellt  heute die Tagesfrage: Gleichheit oder Gerechtigkeit?

à demain...

 

23.2. Ich schwimme um das Phänomen (frei nach Derrida)
Wind: 3-4
Meer: 2-4

Ein ruhiger Tag, teilsonnenbeschienen und frisch.
Es hörte mich fühlen: "My mind is tossing on the ocean" (Shakespeare).
Doch das brachte nichts aus der gewohnten Passagenkonsequenz und Melancholie ist an Bord der Enez Eussa III ohnehin keine leitende Gestimmtheit: Brest ab 8:30 - Conquet - Molène - Ouessant-Stiff - Ouessant-Lampaul - Molene - Conquet - Brest an 18:45. Angesichts des immer noch hohen Koeffizienten von 99 und ungünstiger Tiede (die bei niedrigem Wasserstand die felsenmorphologische Untiefenstruktur des maritimen Reviers in bedrohlicher Vielfalt sichtbar werden lässt), wurde die Planmässigkeit des ganz normalen Montags nur von einer kleinen Abfahrtsvorverlegung von Ouessant in Richtung Molene irritiert.

 

Lichtspiegelungen liessen die Molène wie auch einige benachbarte Felsen über dem Wasser schwebend erscheinen - ein Anblick, den in photographische Abbildung zu bannen ich leider nicht zu leisten vermochte, der aber gleichwohl my mind noch ein Stueck weiter in tossing movte.

An so einem ganz normalen Montag im Februar wollen ca. 80 Menschen auf die Insel passieren: Inselbewohner (die auf dem Schiff übrigens ihre Inseln schon vor der Ankunft reterritorialisieren: vorderer Salon oben: Molène; hinterer Salon: Ouessant), Touristen (beim Ablegen weitgestreut-bewegt, beim Anlegen weitverstreut sitzend, zuweilen hängend; erkennbar an den obligatorischen Wanderschuhen, die sonst niemand hier trägt) und ein paar Vogelforscher (über deren Bord-Habitattreue ich bislang noch nicht wirklich berichten kann). Zudem heute an Bord: Neuer Brennstoff für das EDF-Kraftwerk und 9 Container Dieses & Jenes; die gegen leere Exemplare ausgetauscht wurden.

 

Blickt man so den ganzen Tag auf dieses bewegte Meer, stellt sich eine eigentümliche innere Ruhe ein, als wäre die Bewegtheit des tragenden Mediums Auslöser (vielleicht auch Rechtfertigung gegenüber der produktivistischen Gestimmtheit des modernen Menschen) dafür, den Geltungs- bzw. Relevanzanspruch jeder inneren Unruhe sanft am Horizont sich auflösen zu spüren.

 

Ich schliesse heute mit einer für meine Berufsgruppe doch irgendwie hoffnungsvoll antönenden Notiz von Michel Serres, aus seiner Nord-West-Passage:

"Es hätte keinen Sinn, sich als junger Mensch auf die Philosophie einzulassen, wenn man nicht die Hoffnung, den Plan oder den Traum hätte, eines Tages die Synthese zu wagen. Das mindeste, was man auf diesem Terrain versuchen kann, ist eine Weltreise [...]. Und ohne Zweifel gibt es hier und jetzt nur noch dieses eine Abenteuer in unserem von uniformen Mächten beherrschten Raum, der Versuch nämlich, ebendiesem Raum zu entkommen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen. Es ist durchaus möglich, das Wort "Synthese" nicht zu mögen und geradeso die Sache; es ist auch möglich, an der Einheit zu zweifeln. Dennoch kann man versuchen, sich eine weite Sicht zu bewahren, ein vielfältiges und zuweilen konnexes Denken."

Michel Serres, Nord-West Passage (Hermes 5), Berlin 1994, S. 27.

 

à demain...

 

22.2. Wellenberge
Wind: 6-8
Meer: 6
Koeffizient: 100

Nach stürmischer Nacht hiess es heute Morgen um 8:30, dem planmässigen Ablegezeitpunkt: das Schiff kann noch nicht fahren, aufgrund der schweren See und des hohen Koeffizienten muss die Abfahrt auf 12:30 verschoben werden, also ein Grand Crème und, dem Motto des Passagen-Projekts gemäss, Lektüre in Deleuze "Differenz und Wiederholung", um dann pünktlich das Penn-Ar-Bed-Motto eingelöst zu finden:

Dann ging es los, bis Conquet mehr oder weniger ruhig, von da ab in grenzwertiger Schwankungsintensitaet in Richtung Molène, die ja noch kein frisches Brot bekommen hatte (da es auf ihr, anders als auf Ouessant, keinen Bäcker und somit eine gewisse Continentboulangerieabhängigkeit gibt). Aufwühlungen also, auf der Brücke befand sich zeitweilig auch ein seekranker Dackel, der den Sinn seiner mässigen Bodenhaftung nicht durchgängig zu einzusehen schien.


Dann, Richtung Ouessant, ging es auf die "Passage du Fromveur" zu, die aber nicht zu passieren war: diese Passage, welche zwischen den Inseln entlangführt, erreicht an Tagen wie heute Strömungsgeschwindigkeiten von 8 Knoten und lässt in einem breiten Streifen gewaltige Wellenberge entstehen - man muss also, um diese Passage im Rahmen eigener Passagen traversieren zu können, viel Kraft und innere Stabilitaet haben, um nicht abzudriften und auf die überall lauernden Felsen aufzulaufen oder aber sich sich gänzlich dem Meer zu übergeben.

Alles in allem äusserst aufwühlend diese "Pass From", so sehr, dass der dahinter liegende Port du Stiff nicht anzufahren war. Der Kapitän entschied, die Ouessant von der anderen Seite aus, via den kleinen Inselhauptdorf-Hafen Lampaul, an- und die "Pass From" zu umfahren, was dann schliesslich auch gelang und ermöglichte, 257 teilweise blassgrünlich optimistische Passagiere zurück nach Le Conquet und Brest zu bringen. 

Tagesthese: Passagen passierende Passagiere finden freudig Festland.

 

à demain...


21.2. Land(über)gänge
Wind: 4-5
Meer: Rade de Brest 2

Nach dem langen Seetag gestern standen heute Landübergänge auf dem Programm, die u.a. in das des Marinemuseum führten, welches im Schloss von Brest (dem wohl einzigen alten Gebäude der Stadt) untergebracht ist. Schliesslich bietet die Geschichte der Seefahrt einige Anhaltspunkte dafür, wie nautisches Denken der Erhellung bodenständigen Lebens dienen könnte: Die frühe Seefahrt war küstennah ("Pilotage"), auf gute und schlechte Erfahrungen hinsichtlich bestimmter Passagen gestützt und mittels Landpeilung und Senkbleimessung navigiert. Als es dann darum ging, das Küstenleben in Richtung möglicher Welten hinter den Horizonten zu überwinden und sich zu beweisen, dass es auch anders möglich ist, musste die Astro-Navigation erfunden werden, die schliesslich eine mehr oder weniger zielzuführende Orientierung auf offener See ermöglichte. Das war natürlich eine Herausforderung, aber da unsere Vorfahren ja eifrige Möglichkeitswesen waren, erfanden sie seetaugliche Uhren (Sanduhren verklebten zu schnell, ausserdem wurde wohl zuweilen das Umdrehen vergessen und alles war gelassen-(ge)worden), Geschwindigkeitsmesser, die es nicht mehr erforderlich machten, die Schwimmgeschwindigkeit eines ins Wasser geworfenen Holzstücks als Anhaltspunkt zu nehmen, entstörte Kompasse... Ausserdem raffinierten sie die "Astrolabien", die es seit dem Mittelalter gab. Denn ohne den Himmel ging letztlich nix - das ist heute nicht anders, wo mittels einer Kombination von GPS (God's Eye Positioning Support) und einer elektronischen Seekarte navigiert wird. Erst als das Denken der Meerwelten dann deterritorialisiert war, zu Verbindungslinien transformiert, anhand derer man sich mit Blick auf die Sterne orientieren und seine Linie je neu machen konnte, wurde es möglich "ein geplantes Ziel auf dem schnellsten Weg möglichst sicher zu erreichen", wie es in freier Uebersetzung eine Definition der Navigation aud dem 16. Jahrhundert formulierte.

Wenn wir den Horizont einmal schwinden lassen...: Wäre es nicht angebracht, darüber nachzudenken, ob unser Inventar zur Orientierung nicht allzu pilotageartig, küstennah, am Fels in der Brandung orientiert, ist? Sollten wir nicht immer mal wieder richtig ablegen und mögliche Welten anhand von Sinnen und Sternen suchen? Ein wenig mehr Orientierungsarbeit ohne Landpeilung wagen, ein wenig mehr Linien zeichnen statt immer den nur den festen Boden als Referenz ernstzunehmen?
So ein Spontanplädoyer: auf See, auf die Schiffe, denn, wie Foucault bemerkte, in den "Zivilisationen ohne Schiffe versiegen die Träume"!

Tagesthese: die Métissage (franz. "Kreuzung" im biologischen Sinne; später für kulturelle Vermischungsphänomene gebraucht) ist kein toter Intellektualismus, die Hybridisierung lebt:

à demain...

20.2. Seetag
Wind: Morgens 2, Nachmittags 5-6
Meer: leichte See, Passage du Fromveur/Baie du Stiff 4

Passagenverlauf:
Le Conquet (ab 9:00) - Molène - Ouessant  (Port du Stiff) - Ouessant (Porte de Lampaul) - Molène - Le Conquet - Molène - Ouessant (Port de Lampaul) - Brest (an 21:00)

Linienschiffahrt ist wohl ein Versuch, Strategien der Ordnungsherstellung innerhalb unordentlicher Medien etablieren zu wollen. Linien ohne Papier zu machen, Kerben ohne Holz, schwindende Kerben, Linien im Modus der Autodiffusion. Glücklichweise gelingt dies einerseits ohnehin nur selten, stellt andererseits aber gar kein Problem für Linienschiffer dar, die "ihrem" Medium mit souveräner Demut und frei von Devotheit entgegenzugehen vermögen. Ärger, das überzeugt auf seine Weise, lässt man nach einer gewissen Zahl von Seemeilen auf Grund laufen. Vielleicht taugt diese Strategie ja auch für die Entwicklung von kontingenzkulturellen Kompetenzen?

Mit emsigem Schwung fuhr die Enez Eussa III (technische Daten: 300 Passagiere max. Besetzung, 8 Mann Besatzung; bewegt von 5000 PS mit einer Reisegeschwindigkeit von 16 Knoten) in die auf sie eingerichteten Häfen ein und aus, machte den Wechsel zwischen wirklichen Welten möglich und die Zumutungen schwankenden Daseins sinnlich.

Abends schliesslich, in die Dunkelheit hinein, ging es vorbei an den Leuchttürmen Creach, La Jument, Kéréon, Pierres Noires, St. Matthieu, Toulinget und Pétit Minou, hinein in den nächtlichen Hafen von Brest.

Tagesfrage: Der technische Offizier sagte mir, dass Stabilisatoren, die Passagen durch den rumpfintern hydraulisch bewerktelligten Ausgleich wellenbedingter Schwankungen angenehmer machen sollen, zugleich die Manovrierfähigkeit einschränken, sodass sie -  wenn es darum geht, genau zu steuern - abgeschaltet werden müssen. Ist die Tragweite dieses Zusammenhangs für die lebenspraktische Dimension der humanen Welt überhaupt schon einmal erwogen worden?

à demain...



19.2. Erste Passagen
Wind: Morgens 4, Nachmittags in Böen 9
Meer: Rade de Brest ruhig, Passage de Fromveur 4-5.

Um 8:30 legte die Enez Sun III in Richtung Le Conquet ab. Um 18:00 legte sie dort wieder an, weil sie heute Nacht dort bleibt, um gleich Morgen früh um halb 8 wieder in Richtung Ouessant ablegen zu können. Doch das war es nicht, was passierte.

Denn dazwischen gab es Schwankungen, Manöver, Wellentäler, Übergaben und -gebungen, Peilungen und Strömungswellen, leergelaufene und übervolle Hafenbecken, Be- und Entladungen, Sonnenstrahlen, Silbermeer, Sturmböen, Überspülungen und GPS. Also: viel passiert, auf der ersten Passage.

Phare du Jument, Passage de Fomveur, 13:47 Uhr

Die Fahrt führte von Brest nach Le Conquet, wo der Grossteil der Passagiere an Bord (insgesamt ca. 250) kam, dann weiter zur Ile de Molène (die aufrund der tiefen Ebbe nicht angelaufen werden konnte, sondern nur über ein Zubringerboot erreichbar war), weiter zur Ile de Ouessant (Port du Stiff) wo die Passagiere von Bord gingen, Container ausgeladen und 24000 Liter Gazole für die insulare Stromversorgung (die via Generator der Electricité de France vor Ort erdieselt werden) abgepumt wurden. Reicht zu dieser Jahreszeit für etwa 2 Tage - dann geht's an die Reserven, die wohl auch noch ein paar Tage reichen. Aufgrund des starken Wellengangs war ein dauerhaftes Festmachen im Port du Stiff (dem Cargo-Hafen der Insel) nicht möglich - um die verbleibende Zeit bis zur Rückfahrt zu verbringen ging es also passagierlos durch das Silbersonnenmeer im Spaziertempo weiter zum auf der anderen Seite der Insel liegenden, geschützten Hafen von Lampaul,  wo nebenbei ein Auto aus dem Schiffsbauch entladen und am schmalen Quai abgesetzt wurde. Essen, Sonnen, Ruhen. Um 16:00 Uhr ging es dann via Molène - deren Hafemauer mittlerweile im Sinne der ästhetischen Kontrastrhetorik des bretonischen Seinsmodus kaum mehr aus dem Wasser schaute - zurück zum "continent".

Molène, Quaimauer gegen 17:00 Uhr

Tagesthese:

Das Schiff ist kein schwimmendes Stück Land (s.u.), eher eine Vergrösserung der Schuhsohle auf einem Medium, das kein Grund ist.

a demain...

Hauswand, Ile de Ouessant

18.2. Ankunft in Brest
Wind: 2
Meer: ruhig

18:00: Die Enez Eussa III  liegt im Port de Commerce, von wo aus sie morgen in Richtung Molene und Ouessant startet.


Zum Akklimatisieren im französisch-maritimen Umfeld dient gerade ein wirklich deutscher Denker: Carl Schmitts "Land und Meer".

Dort steht u.a. zu lesen: "Eine folgerichtig vom Meere ausgehende, rein maritime Anschauung des festen Landes ist für einen territorialen Betrachter schwer verständlich. Unsere übliche Sprache bildet ihre Bezeichnungen ganz selbstverständlich vom Lande her. [...] Wir nennen das Bild, das wir uns von unserem Planeten machen, einfach unser Erdbild, und vergessen, das es auch ein Seebild davon geben kann. Wir sprechen mit Bezug auf das Meer von Seestrassen, obwohl es hier nur Verkehrslinien und keine Strassen wie auf dem Lande gibt. Wir denken uns das Schiff auf hoher See als ein "schwimmendes Stück Staatsgebiet ", wie man es in der völkerrechtlichenBehandlung dieser Frage nennt. [...] Für den maritimen Menschen sind das alles ganz falsche, der Phantasie von Landratten entsprungene Übertragungen. Ein Schiff ist kein schwimmendes Stück Land, sowenig wie ein Fisch ein schwimmender Hund ist." Schmitt, Land und Meer, Leipzig 1942, S. 65f.

Dieses Andenken einer maritimen Perspektive, die ab Morgen in Passagen erfahren werden wird, muss nun mit adäquater Flüssigkeit vertieft werden:


Bonsoir - et à demain...